Bernd Philippi

Mehr als acht Kostbarkeiten

F. Welchen Platz nimmt Jesus Christus im Himmel ein?

A. Man lässt ihn zur Rechten seines Vaters sitzen.

F. Hat Gott eine rechte Hand?

A. Halten Sie ihn für einhändig? Seine Stellvertreter sind es zumindest nicht.

F. Warum sagen Sie, dass Jesus Christus im Himmel sitzt?

A. Selbst ein Gott könnte nicht die ganze Ewigkeit hindurch stehen.

Dieses Frage-und-Antwortspiel stammt aus dem Catéchisme du Curé Meslier (1790). Ein Katechismus sollte – jedenfalls im landläufig katholischen Verständnis – in die Grundfragen des Glaubens einführen. Aber dieser Ausschnitt von wenigen Zeilen zeigt schon, dass es sich bei diesem Landpfarrer (Abbé oder Curé) Meslier um eine besondere Persönlichkeit von einem gewissen Witz (im alten Sinne von Erkenntnis bzw. Scharfsinn) gehandelt haben muss.
In der Tat. Er ist eine der Persönlichkeiten, die Klaus Bernarding in Lothringen, das er seit Jahrzehnten durchläuft, ausfindig gemacht hat und nun den Lesern in seinen Lothringer Kostbarkeiten vorstellt. Anders als in seinen Lothringer Passagen 1 und 2 geht es in diesem Band dem Autor eher um ideelle Kostbarkeiten. Bei Kostbarkeiten denkt man zunächst an Kochbücher, an Gerichte, die den Gaumen des Gourmet erfreuen, hier aber wird eher die Tätigkeit des Geistes angeregt, werden keine Gaumen-, sondern Geistesfreuden geboten. Wir begegnen Personen oder Ereignissen, die auf das kollektive Gedächtnis nicht nur der Region eingewirkt haben. Abbé Jean-Baptiste Meslier (1664-1729) war Zeit seines Lebens in Etrépigny tätig, ein atheistischer Geistlicher, der im Sterben Gott um Vergebung dafür bat, dass er das Christentum gelehrt habe. Er legte sich mit einem adligen Grundherren an, über dessen schlechte Behandlung der Bauern er sich empörte. Der Erzbischof von Reims nahm den Abbé so gründlich „ins Gebet“, dass er fortan keine öffentliche Kritik mehr zu üben wagte. Von da an führte Meslier ein Doppelleben: Nach außen versah er seinen Dienst, im Geheimen aber schrieb er ein religionskritisches Manuskript von weit über tausend Seiten.

Bernarding stellt uns dieses Manuskript, das zu Lebzeiten Mesliers nur in wenigen Abschriften heimlich kursierte, ausführlich in Aufbau und Argumentationsstruktur vor. Er schrieb mir, dass sich im Anschluss an eine Lesung einige Hörer beschwert hätten, Meslier sei nicht leicht zu verstehen gewesen. (Da kann ich nur sagen: Nur wer über dem Glauben steht, kann auch im echten Verständnis gläubig sein. Sonst ist er nur Glaubens-Sklave.)

Ein gewisser Herr Voltaire war reich und findig genug, sich ein Manuskript Mesliers zu besorgen. Er gab dann eine in seinem Sinne entschärfte Version heraus, in der dem radikalen Atheismus Mesliers die Spitze genommen ist. Hier beginnt auch das, was ich an Bernardings Buch so spannend finde: ein ausgedehntes Netz von Korrespondenzen, ein Beziehungsgeflecht – heute würde man dazu Vernetzung sagen. Bernarding sagt das nicht expressis verbis, er führt es vor, indem er zum Beispiel Herrn Voltaire, der übrigens überaus gut vernetzt war, in verschiedenen seiner Kostbarkeits-Geschichten agieren lässt. Und in jeder dieser Geschichten schimmert eine andere Facette der Persönlichkeit Voltaires auf. Dadurch entsteht indirekt eine gewisse Vertrautheit. Herrn Voltaire bin ich doch beim in Nancy residierenden Polenkönig Stanislas Leszcyñski begegnet. Dann wird der „Beelzebub“ Voltaire vom Abt Dom Antoine-Auguste Calmet, dem Verfasser einer umfangreichen (7 Bände) kirchlichen und weltlichen Geschichte Lothringens (1728) zu Studien in sein Kloster in Senones eingeladen, das über eine berühmte Bibliothek verfügte. Voltaire war von dem Aufenthalt und von dem Abt so angetan, dass er fast zum Benediktiner geworden wäre.

Natürlich begegnen wir auch dem den Saarländern durch Saarlouis vertrauten Vauban, dem Generalinspekteur des Festungswesens, aber diesmal in seinen Betätigungen als Nationalökonom. Er trat gegen staatliche Eingriffe in die Wirtschaft und für Steuerreformen ein. Sein „Projekt eines königlichen Zehnten“ (Projet d’une Dixme royal) fand bedauerlicherweise nicht die Zustimmung des Königs, auch der Versailler Hofadel schob sich als mächtige Bastion vor eine Veröffentlichung. Am 14. Februar 1707 wurde die Schrift vom obersten Beamten der Justiz für ungesetzlich erklärt.

Bernarding macht die Lektüre nicht nur durch die verflochtenen Beziehungsnetze spannend, er fächert die lothringischen Kostbarkeiten quasi in einem Kontrastprogramm auf. Wir lernen seltsame Heilige und vergessene Künstler kennen, wir erfahren von der untergegangenen Festung La Mothe, wir lernen, dass der Baustoff Beton für so gegensätzliche Bauten wie Kirchen oder Befestigungsanlagen (Maginot-Linie) Verwendung fand. Hin und wieder weht ein Hauch Erster oder Zweiter Weltkrieg durch die Seiten. Vielleicht wäre, wenn man an das „unsichtbare Mahnmal“ La Mothe erinnert, im Zusammenhang mít dem Zentenarium des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs auch ein Hinweis auf die neun vom Erdboden verschwundenen Dörfer um Verdun angebracht gewesen, an deren Existenz oft nur – wenn überhaupt – eine schlichte Stele erinnert.

Ich habe nur wenige Persönlichkeiten herausgegriffen; viele von ihnen finden sich nicht einmal in gängigen Nachschlagewerken. (Der Abt Calmet hat immerhin einen Platz in der Saarlandischen Biographie errungen.) Das Buch bietet eben mehr (als acht) Kostbarkeiten. Der Leser wird erstaunt sein, welchen (geistigen) Reichtum unser Nachbarland zu bieten hat.

Klaus Bernarding, Lothringer Kostbarkeiten, St. Ingbert: Conte Verlag 2013 (Conte Frankreich) 278 S., 19.90 €, ISBN 978-3-95602-000-1