Gedichte

Keine Wahl

So leise hatte ich gesprochen
Daß kaum einer es bemerkte
Blieb bis ins letzte Glied verständlich
Damit der im ersten zweiten und so weiter
Sah wie sich auf meinen Lippen formte
Was aus meiner ältesten Zelle herauspreßte
Ihnen Schlingen legte
Bissig zischelnd:
Widersprich!

Widersprich um nicht zu halten
Widersprich um nicht zu enden
Widersprich um nicht zu wählen
Lege deinen Kopf auf die Seite
Lege ihn quer
Einem deinen Kopf in den Weg
Lege dich krumm –
Widersprich dem Halt, dem Ende
Der Wahl
Dem der die Wahl gewählt
Widersprich auch dem
Der keine Wahl gewählt
Bring ihn auf den falschen Weg
Bring ihn zu sich selber
Bring ihn herum

Widersprich nicht nur dem
Was wählt, was endet, was hält
Widersprich besonders dem Spruch
Der einem keine Wahl läßt
Der andern den Sitz sichert
Der Meinungen macht
Und Gesetze stimmt –
Widerrufe alles
Was sichert, was macht, was stimmt

Spring plözlich auf
Mitten im Text
Widersprich, widerruf’
In deinem Namen
Auf eigene Rechnung
Auf Kosten der Wahrheit

Gerüstet

Hilf mir, Sohn, fass mit an
Du vorne
Ich bleib am schwereren Ende
Die Trauer lockert dir
Noch nicht den Griff –
Ich hab ein paar Unglücksfälle mit mir
Überlebt – von dir
Weiß ich nicht wie’s zutrifft

Pack mit beiden Händen zu
So fest du kannst – die Kraft
Wächst mit jedem geübten Mal:
Du vorne am leichteren Ende
Ich hinten – wir beide
Werden das alte Haus offenhalten
Es aufrüsten
Für den ersten Feuerstrahl
Der über der Ebene erscheint

Schaust mich einen Handgriff lang an
Über die oberste Sprosse:
Das viertel Jahrhundert geschrumpft
Auf Spiegelbildgröße –
Der Fremde aus dir der fragt
Ob’s mir nicht doch noch gelingt
Dir das allerkleinste Stück Rosengarten
Zu hinterlassen?

Erschienen  1984  in der Anthologie Giftgrün des VS Saar
Entstanden Anfang der 80er Jahre
Mein Lieblingsgedicht! 


Saarbahn

Tram: Ludwigstrasse, Ludwig – Fürst
Pausewange. Einstieg rechts.
Mit mir drei Tätowierte, ein Mädchen mit
Kussmund, Andere, eine Fliege.
Sonniger Montagmorgen.
Günstig: reden sich die Drei ihre Stand-
punkte ein, für später.

Tramram: Elektromotoren spielen
Brahms, Vierte Symphonie; synkopisch
die Ansagerin ins Spiel: “Hauptbahnhof!
Gare centrale! Ausstieg links. Sortie
à gauche.”
Die Wahlen in Frankreich: la gauche en est
mal sortie. Schüler sortieren freie Plätze;
Eine Hausfrau dabei, ihren Mann einzutüten,
raschelnd; die Fliege, une sans-domicile-fixe,
sitzt jetzt an der Scheibe.
Wonnemonat Mai.

Tramram: “Johanneskirche! Ausstieg rechts!
Sortie à droite!
Eigentlich: Rathausplatz. Die Kirche war
stärker. Die Tatoos raus, an die erste
Flasche.
Das Mädchen numerisch vervierfacht; die
Fliege aufgeschreckt in der Bahn nach
vorne – Einstein entgegen.

Tramram away: “Brebach, Bahnhof!
Der Zug endet hier. Le train se termine ici.”
Das nächste Mal bis Saargemünd, über die
alte Grenze. Versprochen!
Die Grenze im Gepäck.

Aus dem Tagebuch eines Tramfahrers
Samstag, 22 Juni 2002
Erschienen im Kulturmagazin Opus, Nr. 11, Februar 2009


Ein Tag ohne dich

Ist ein Essen ohne Wein
Ein Essen ohne Wein
Ist ein Tag ohne Sonne

Ein Essen ohne dich
Ist ein Tag ohne Sonne
Ein Tag ohne Sonne
Ist ein Tag ohne dich

Ohne dich ist ein Tag
Ohne Sonne
Ohne dich ist
Ohne Sonne

Ohne Sonne ist
Ohne dich
Ohne dich ist
Kein Essen mit Wein

Ohne dich ist kein Tag
Mit Sonne
Ohne dich ist kein Tag

Kein Tag ohne dich
Kein Tag

Entstanden in den 1970er Jahren 


Begrüßung

Guten Tag, sagte der Tag
Der hereinschaute bei mir
Guten Tag, sagte ich zum Tag
Daß er hereinschaute bei mir:
Schöner Tag heute
Wie geht’s?
Gut geht’s, sagte der neue Tag
Wie immer
Auch gut, sagte ich zum Tag
Schön und gut
Wie so häufig
Mieses Wetter!
Ja, sagte der Tag
Aber morgen

Ist auch noch ein Tag
Ich weiß
Sage ich beiläufig
Man sollte den Tag nicht
Halt, sagt da der Tag
Noch ist nicht aller
Guten Abend, sage ich zum Tag
Und vielen Dank
Daß Sie hereinschauten
Bei mir

Entstanden in den 1970er Jahren


Die Wiese zwischen uns

Die Wiese zwischen unsern Hütten
Die Hyazinthe der Wiese zwischen unsern Hütten
Du sahest sie zuerst
Der Hahnenfuß der Wiese zwischen unsern Hütten
Ich pflückte einen großen Strauß
Die Herbstzeitlose der Wiese zwischen unsern Hütten
Wir hatten beide keinen Mut
Wir schlugen einen Bogen
Der Schnee der Wiese zwischen unsern Hütten
Wir rollten einen Schneemann
Und lachten über ihn

Der Samen der Hyazinthe der Wiese
Ist verflogen
Die Blüte des Samens der Hyazinthe der Wiese
Zwischen unsern Hütten
Ging nicht auf:
Die Hyazinthe hatte einen Haken
Der Hahnenfuß war eigentlich
Ein Pferdefuß
Die Herbstzeitlose Gift für uns

Zwar deckte der Schnee den Haken
Ertrug mit Leichtigkeit den Pferdefuß
Verging jedoch am Gift
Der weitverzweigten Herbstzeitlosen

Der Schneemann der Wiese zwischen unsern Hütten
Lachte sich tot
Über uns

Entstanden in den 1970er Jahren