Der Nussbaum

Marie war die Tochter eines gutsituierten Bäckers aus einem der Nachbardörfer. Aber sie sei sich wie ein Findelkind vorgekommen, als ihr Vater nach dem frühen Tod der Mutter wieder geheiratet hatte – ein Findelkind, das dennoch ein Leben lang stolz auf die Herkunft aus eben dieser Familie geblieben ist.

Die junge Marie hatte im Zweiten Weltkrieg die schnatzen Uniformen der deutschen Besatzer bewundert, vor allem deren blank geputzte Stiefel. Das hatte sie uns, ihren deutschen Nachbarn, freimütig erzählt. Sie, ein Urgewächs dieser Gegend: klein gewachsen, rundlich und stämmig. All die Jahre hindurch war sie uns eine gute Freundin geblieben. Über ihre bloßen Beine und Füße, die Lehmbrocken an ihren Schuhen, sahen wir gerne hinweg. Fließendes Wasser benutzte sie nur, so schien es, zur Toilette vor Feiertagen und zum Kochen für sich und ihren Marcel, den Mann aus später Ehe. Natürlich pumpte sie auch Wasser aus dem Pütz ihres Gartens, sobald es für ihr Gemüse notwendig erschien.

Was den Gesprächspartner anzog, war ihr freundlich-fröhlicher, manchmal listig-liebevoller Blick, den sie auf Menschen und Dinge warf und den Mund öff nete, um klassische Verse aus der Schule zu plaudern oder Sprichwörtliches witzig zu Fall zu bringen. So rächte es sich noch im Alter, dass man sie als Jugendliche in eine Klosterschule in Verdun gesteckt hatte. Mit der neuen Mutter sei für sie kein Platz mehr im Haus gewesen, sagte sie zu uns, den deutschen Leih-Dörflern, die aus der Stadt kamen und durchaus Verständnis für Randständiges hatten – anders als manche ihrer Nachbarn im Dorf.

Regelmäßig wie die Glocken vom Turm der Kirche klang ihre Stimme die Straße herauf, wenn sie an der Camionnette beim Bäcker oder Fleischer einkaufte oder sich mit der Postbotin, einer Verwandten aus dem Nachbardorf, lauthals über Gott, die Welt und eine ihrer Nachbarinnen unterhielt. So gelangte manche Neuigkeit auf drahtlosem Wege bis zu uns hinauf ins letzte Haus der Dorfstraße. Ihre Stimmlage verriet jedes Mal etwas über ihre Seelenlage. Allzu launisch war Marie jedoch nicht – zumindest nicht, solange sie nicht von einer ihrer verwitweten Nachbarinnen ›beleidigt‹ worden war. Dann geriet sie über so viel Unverschämtheit leicht aus der Fassung und legte uns danach ihre Ansicht der Dinge dar. Denn wir seien deutsch und jünger und lange nicht so verbohrt wie diese alten Frauen! Oder hatte sie gesagt: »Noch nicht so verbohrt«, pas encore, wie ich glaubte, herausgehört zu haben? Bei den beiden Deutschen habe sie sowieso einen Stein im Brett, schlossen die Leute im Dorf aus ihrem Umgang mit ihnen; allein schon, weil sie die Schlüssel zu deren Haus und Garten in ihrer Küche aufbewahrte.

Im Laufe der Zeit hatte Marie bei uns eine besondere Aufgabe übernommen: Sie beobachtete und bewachte das ganze Jahr über unseren Nussbaum. Dieser war seit langem das Wahrzeichen des Oberdorfs. Beim Aufwachsen musste der junge Nussbaum von dem neben ihm stehenden, starken Kirschbaum allmählich weggedrückt worden sein. Jetzt, alleine und schräg stehend, ragte er mit seiner Krone bis in die Mitte der Straße. Im Frühjahr öffneten sich deren Knospen zu einem riesigen Blattgewand. Im Frühsommer war er mit dicken grünen Früchten bestückt, die man um Madeleine herum – Ende Juli – pflücken, in klaren Alkohol einlegen und in Likör verwandeln konnte.

Aber lieber wartete man bis zur Ernte im September. Dann spendete er seinen reichlichen Rest an Nüssen für den Winter. »Eure Nüsse sind viel dicker und schöner als meine!«, pflegte Marie zu sagen. Jedes Jahr aufs Neue. Wir merkten, dass ihr der Satz gar nicht leichtfiel, besaß sie doch den Hang hinauf selbst einen kleinen Wald an Nussbäumen. »Wirklich, meine sind mickriger!«, fügte sie hinzu – aber nur, wenn sie gut gelaunt war.

Im Frühherbst schloss Marie ein unsichtbares Gitter um unseren Nussbaum. Leider warf er auch einen Teil seiner wohlschmeckenden Früchte auf die Straße. Sie schaute den Nussbaum hin und wieder prüfend an, wenn sie ihn passierte, umin ihren Garten oder ›Park‹ hinauf zu gehen – vorbei am Denkmal, das 1944 zum Dank für die Befreiung der Dorfbewohner aus Nazi-Geiselhaft errichtet und der Jungfrau Maria geweiht worden war; eines von vier gleichen, in Beton gearbeiteten Monumenten, in noch drei weiteren umliegenden Dörfern. Der Schutz und die Fürsprache Mariens beim Lieben Gott hatte sich gelohnt. Die Bewohner waren der Rache deutscher Wehrmachtsangehöriger entgangen.

Manchmal nickte Marie beim Vorübergehen zufrieden, als habe sie heuer diese überreiche Ernte erwartet, manchmal blickte sie über die Schulter zurück, ob sich nicht einer dieser bösen Buben heranschliche, um die heruntergefallenen Nüsse einzusacken oder andere vom Baume zu schlagen. Marie wusste genau Bescheid. Deshalb machte sie in der Erntezeit zusätzlich einen Gang am späten Nachmittag. Denn um diese Zeit kämen die Kinder aus der Schule. Und dann wäre keine Nuss vor ihnen sicher. Zu diesem Zweck setzte sie sich auf den schweren Kalkstein unter dem Baum, um die ›Strolche‹ im Auge zu behalten. Ihre Augen waren jung geblieben, obwohl sie mit zunehmendem Alter immer mehr fernsah und zur Lektüre der Zeitung vom Vortage, die ihr die Nachbarin, die ehemalige Dorfschullehrerin, überlassen hatte, zunehmend mehr Zeit brauchte.

Die Buben! Les gamins! Les voyous! Diese Spitzbuben seien immer frech zu ihr, beklagte sie sich, und gingen zuallererst an unseren Nussbaum und erst dann an die anderen, wenn bei unserem, dem deutschen, nichts mehr zu holen wäre. Da sei der heilige Hubert vor! Nur, der würde sich erst nach dem 3. November, seinem Fest, um solche Angelegenheiten kümmern, was natürlich viel zu spät sei im Jahr. Um diese Zeit seien die Äcker, die Bungerten und Wingerten bereits abgeerntet, die Brunnen winterfest gemacht und Fenster und Türen vor aufkommender Nässe und Nebel geschlossen. Marie war eine Heidin, und es war kein Wunder, dass sie nicht wirklich an den Schutz des heiligen Hubert glaubte. In die Sonntagsmesse ging sie schon lange nicht mehr, in die Kirche nur zu Hochzeiten und Kindtaufen, vor allem dann, wenn die Kindtaufe der Hochzeit des Paares längst vorausgegangen war.

Eines Tages, im heißesten Sommer seit Menschengedenken, im Jahre 2003, sagte sie zu uns – wir saßen im Schatten der Terrasse – wie aus dem Nichts heraus: »Der Nussbaum stirbt!«Voyez, le noyer va mourir!» Sie hatte nicht »euer Nussbaum« gesagt, sondern »der Nussbaum«, so, als gehöre er allen Bewohnern des Oberdorfs. Und es klang wie eine unumstößliche Feststellung.

Nachdem sie heim getippelt war, schauten wir nach am Stamm, an den Ästen, den Zweigen, dem dichten Blattwerk und den noch grünen Früchten, ob sich Anzeichen eines nahen Todes entdecken ließen. Vielleicht die Tatsache, dass der Baum dieses Mal nicht so in vollem Saft stand wie beim letzten Mal? Eine Folge der ungewöhnlichen Hitze und Trockenheit?

Aufmerksam geworden glaubten wir im folgenden Jahr, seine Schatten seien doch dünner geworden, wenn auch kaum wahrnehmbar. Doch den Nüssen merkte man nichts an. Sie waren nach wie vor bei Freunden begehrt und schmeckten diesmal wohl noch besser als im vergangenen Jahr. Ich sagte zu Marie:»Schau her, sie sind die prächtigsten im Dorf und sie schmecken vortreffl ich, wie du weißt.« Das mit dem Schmecken von Nüssen war ihre Sache nicht, denn sie besaß nur noch den linken oberen Eckzahn. Marie ließ sich dadurch nicht beirren: »Mag sein, aber ich täusche mich nicht!« Und sie bückte sich, griff schnell nach den Nüssen im Gras und denen auf dem Asphalt und ließ sie in die aufgehaltene Kittelschürze fallen.

Im nächsten Jahr zeigten sich am Nussbaum erste Schadstellen. Die Rinde hatte sich hier und da gelockert oder abgelöst, die Wurzeln des mächtigen Baumes schienen nicht mehr das Wasser zu erreichen, das unterirdisch den Berghang hinabfloss. Seine Adern seien zu löchrig geworden, um das Wasser noch bis in die Zweige aufsteigen zu lassen, versuchten wir uns die Tatsache zu erklären, dass die Baumspitze so dünnblättrig geblieben war. Sollte Marie doch Recht gehabt haben? Wir erhofften uns insgeheim das Gegenteil. Marie, bei näherem Hinschauen ein bisschen wackliger geworden, sagte jetzt nichts mehr zum Thema Nussbaum, nickte aber traurig, sobald wir darauf zu sprechen kamen.

Wieder war ein Jahr übers Land gegangen. Immer öfter saß Marie nun zum Ausruhen auf dem grauen Kalkstein unter dem Baum. Dieser warf keine fülligen Schatten mehr, nur noch die rundlichen seines Astwerks – hingekritzelte Linien. Und Marie bewegte sich heuer langsamer fort als sonst, hier und da wie blindlings, gestützt auf ihren Stock. Den Stock hatten wir ihr letztes Jahr zwar als ein Geschenk überreicht, aber sie hatte darin eher ein Übel gesehen und es abgewehrt: Soweit sei es noch nicht mit ihr!

Vom Nussbaum redeten wir nicht mehr. Wie in einer geheimen Absprache schwiegen wir – aus Furcht, die Sprache hole das Unabänderliche aus dem Verborgenen hervor. Dennoch schaute ich – als ich mich unbeobachtet fühlte – nach und entdeckte am unteren Rand des Stammes, da, wo er den Grasboden berührte, Teile einer morschen Rinde, die bei meinem Versuch, sie abzubrechen, immer größer wurden und einen schwärzlichen Stamm entblößten. Kolonien von Schwämmen hatten sich im Umkreis gebildet. Ohne Marie zu fragen, baten wir erfahrene Nachbarn herbei. Sie waren sich schnell einig: Es seien schon zwei von drei der kräftigsten Wurzeln abgefault. Was tun? Wir wollten ihn nicht gleich aufgeben, teerten ihn, umwickelten ihn, umkränzten ihn mit Schotter und hoff ten, dass er am Leben bliebe.

Aber der Baum erholte sich nicht mehr, sondern umgab sich an seinem Fuß mit einem dicken Ring aus Flechten und Pilzen. Nun drohte eine weitere Gefahr. Der Baum könnte während der Herbststürme umkippen und quer über die Straße stürzen! Dennoch sollte er in einem letzten Versuch über Winter stehen bleiben.

Ein zweckloser Versuch, wie sich später herausstellen würde. Denn im nächsten Sommer stand der Nussbaum saft- und kraftlos herum – ein Todgeweihter. Keine Blütenschwänze mehr im Frühjahr, keine kühlenden Schatten im Sommer, keine aufgeplatzten Schalen, keine Nüsse, die im September über die Straße kullerten, oder Laub, das im Oktober so wohlriechend umhergeweht wurde. Und keine wachsame Marie mehr. Marie und der Nussbaum waren sehr müde geworden. Dann, Mitte November des gleichen Jahres 2007, nicht lange nach dem Fest des heiligen Hubert, erreichte uns in Deutschland der Anruf eines Nachbarn, dass Marie morgens gestorben sei! Zu plötzlich für uns! Viel zu früh!Seitdem liegt sie auf dem kleinen Kirchhof des Dorfes. Der tote Baum steht immer noch. Nächstes Frühjahr soll die Axt an seine Wurzeln gelegt werden. Von jungen Arbeitern.